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Baby Halder:
Kein ganz gewöhnliches Leben.
Übersetzt
von Annemarie Hafner, 2008.
ISBN 978-3-937603-31-5, 224 S., 14,80 Euro, 24 SFr.
Früh von der Mutter verlassen, wächst Baby Halder in armen und zerrütteten familiären
Verhältnissen auf. Mit dreizehn Jahren muss sie einen doppelt so alten Mann heiraten.
Mit vierzehn – selbst noch ein Kind – wird sie zum ersten Mal Mutter. Ihr Ehemann
behandelt sie schlecht und schlägt sie.
Nicht ganz gewöhnlich wird ihr Leben, als sie beschließt, sich von ihrem Mann zu trennen.
Sie geht nach Delhi und sorgt als Dienstmädchen für ihren Lebensunterhalt und den ihrer
Kinder. Obwohl sie nur wenige Jahre selbst zur Schule gegagenen ist, findet sie Freude am
Schreiben – ermutigt durch ihren Dienstherrn, der ihr schriftstellerisches Talent entdeckt.
Zuerst auf Hindi erschienen, wurde die Lebensgeschichte Baby Halders
nach der Übersetzung ins Englische in Indien ein großer
Erfolg. Es folgten weitere Übersetzungen und
Veröffentlichungen in vielen Ländern.
Vom 14. bis zum 30. Oktober 2008 führte der Draupadi Verlag
zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Lesereise mit Baby
Halder durch verschiedene deutsche Städte durch.

Foto: Baby Halder, links, im Oktober 2008 auf der Frankfurter Buchmesse
Rezensionen
Der Blick von unten
"«Aalo Andhari» – «Vom
Dunkel ins Licht» lautet der Originaltitel von Baby Halders
Lebensgeschichte, die seit ihrer Übersetzung ins Englische in
Indien grosse Beachtung fand und mittlerweile in zahlreichen Sprachen
erschienen ist. Dass die heute 35-jährige Bengalin «kein
ganz gewöhnliches Leben» hatte – so der deutsche Titel
–, ist eine Untertreibung, die zum nüchternen, sachlichen
Stil ihres autobiografischen Berichts passt. Ihr Buch will keine
Literatur sein, sondern vor allem Zeugnis ablegen.
Sie ist sieben Jahre alt, als die Mutter die Familie verlässt,
wächst mit den Geschwistern beim Vater auf, wird von ihm mit
zwölf Jahren aus der Schule genommen und verheiratet. Mit dreizehn
bekommt sie ihr erstes Kind, zwei weitere folgen, ihr Mann misshandelt
sie. Jahre später trifft sie die mutige Entscheidung, ihn zu
verlassen. Sie nimmt die Kinder und geht ins ferne Delhi, wo sie sich
als Dienstmädchen durchschlägt. Fast wie im Märchen
wandelt sich ihr Schicksal, als sie für einen Hausherrn zu
arbeiten anfängt, der nicht nur gütig und väterlich ist,
sondern ihr, als er herausfindet, dass sie lesen kann, Bücher
leiht und sie ermutigt, ihr Leben aufzuschreiben. Sie ist aus der
Übung, stellt sich aber schreibend ihren Erinnerungen, die
bisweilen geradezu tonlos klingen, je schmerzlicher sie sind. Um sich
zu distanzieren, schreibt sie manchmal von sich in der dritten Person.
Ihr Arbeitgeber und Mentor Prabodh Kumar, emeritierter
Anthropologieprofessor und Enkel des berühmten
Hindischriftstellers Premchand, wird ihr erster Leser und verschickt,
was sie schreibt, an Freunde, die ihr begeistert antworten. Zum Schluss
ordnet er ihren Bericht chronologisch, übersetzt ihn vom Bengali
ins Hindi und veröffentlicht ihn 2002. Baby Halder, die bereits an
ihrem dritten Buch arbeitet, tritt bescheiden auf. Das Schreiben ist
ihr wichtig, aber sie sieht sich nicht unbedingt als Schriftstellerin,
auch wenn sie mittlerweile in Hongkong, Paris und Deutschland auf
Lesereise war. Sie wohnt immer noch bei Prabodh Kumar, führt ihm,
jetzt unterstützt von einem Dienstmädchen, den Haushalt und
nennt ihn wie seine eigenen Kinder weiter Tatusch – Papa auf
Polnisch."
Von Claudia Wenner,
Neue Zürcher Zeitung vom 4. Juli 2009
Verschachert an den Nächstbesten
"Sie hat die Dinge einfach aufgeschrieben, nicht
larmoyant, nicht weinerlich. Voller Wut erzählt sie, wie ihre
Schwester stirbt, vom Ehemann erschlagen. Und wie der Vater sie als
Zwölfjährige an den nächstbesten Mann verschachert,
einen Analphabeten, doppelt so alt, mit schlechten Zähnen und
fauligem Atem. Der Fremde drückt sich an sie, betatscht ihren
Körper, tut ihr weh. Wortlos. Ein Jahr später fängt ihr
Bauch an zu wachsen, wird groß wie eine Melone. Und keiner sagt
ihr, was da in ihrem Kinderkörper geschieht. Als die Wehen kommen,
schläft ihr Mann weiter. Sie ist 13.
Viele Jahre und Demütigungen später geht sie einfach weg von
ihrem Mann und dem ärmlichen Vorort Kalkuttas, weg von dem
schwachen Vater und der zänkischen Schwiegermutter. Weg von allem,
was sie kennt. Sie ist 25 Jahre alt, als sie sich in einen Zug Richtung
Delhi setzt, drei Kinder im Arm und ein paar Rupien in der Tasche. Sie
erfährt nie, ob der Ehemann je nach ihr gesucht hat. Nur eines
weiß sie, dass es eine Befreiung war. Wie das Schreiben, das ihr
Arbeitgeber ihr erlaubte, geradezu aufdrängte. Wenn sie heute in
die ärmliche Hütte ihres Bruders kommt, wird sie nicht mehr
behandelt wie Gesinde, sondern wie ein Ehrengast aus einer fernen,
fremden Welt."
Von Karin Steinberger,
Süddeutsche Zeitung vom 13. Oktober 2008
Wie im Märchen
"Es gibt jene Bücher, die nicht ihrer literarischen Qualität,
ihres geschliffenen Stils oder einer ausgefeilten Dramaturgie wegen
faszinieren, sie bezaubern vielmehr durch die starke
Persönlichkeit ihrer Autorin oder ihres Autors.
'Kein ganz gewöhnliches Leben' ist so ein Buch, und die Inderin
Baby Halder ist solch eine Persönlichkeit. Ihre bewegende
Geschichte mutet an wie ein düsteres Märchen mit wunderbarem
Ausgang. (...)
Auch wenn man an diese Lebensgeschichte keine hohen literarischen
Maßstäbe anlegen sollte, auch wenn sie stilistisch schlicht,
mitunter etwas ungelenk wirkt, so entfaltet sie doch ihren eigenen
Charme und ist in all ihrer Lakonie und Authentizität von so
gewaltiger Wucht und Eindringlichkeit, dass es einem mitunter den Atem
nimmt."
Von Inge Zenker-Baltes,
Radio Berlin-Brandenburg, 1. Januar 2010
Das Buch kann über den Buchhandel bezogen oder
per E-Mail direkt beim Verlag bestellt werden:
info@draupadi-verlag.de
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