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Ulrike Stark:
Mauern und Fenster
Neue Erzählungen aus Indien, 2006
ISBN 978-3-937603-10-0, 164 S., 14,80 Euro, 24 SFr.
Indien einmal anders – jenseits der üblichen Klischees. Zehn Autoren und Autorinnen
der modernen Hindiliteratur erzählen von außergewöhnlichen, schwierigen und komischen
Begegnungen im Alltag der indischen Mittelklasse, von Lebensphilosophien und Überlebensstrategien
skurriler Individuen, von den Sehnsüchten einer globalisierten jungen Generation,
aufgewachsen zwischen Bollywood und Fast Food. Sie schildern zugleich das Aufbegehren
gegen soziale Ungerechtigkeit und zeigen Menschen, deren Alltagsleben durch den Einbruch
von Gewalt unerwartet aus den Fugen gerät. Indien heute.
Der Band legt erstmals aktuelle Erzählungen von Yogendra Ahuja, Shashibhushan Dvivedi,
Anand Harshul, Jainandan, Uday Prakash, Sara Rai, Anand Sangeet, Alka Saraogi, Shilpi und
Neelakhshi Singh in deutscher Übersetzung vor.
Inhalt
Sara Rai: Mauern
Neelakshi Singh: Rauch! Wo denn?
Anand Harshul: Der See in der Wüste
Uday Prakash: Der Geist des Hiralal
Alka Saraogi: Tod eines Baumes
Jainandan: Die Investition
Yogendra Ahuja: Der Ringkampf
Shilpi: Dein Bruder, Papa
Anand Sangeet: Der Umschlag
Uday Prakash: Ein Mittag in der Sommerzeit
Shashibhushan Dvivedi: Das Fenster
Vorwort
Auch zu Beginn unseres globalisierten 21. Jahrhunderts beschränkt
sich die Begegnung deutscher Leser mit der indischen
Gegenwartsliteratur zumeist noch immer auf die indoenglische Literatur.
Während indoenglische Schriftsteller internationale Erfolge feiern
und nicht mehr aus der Weltliteratur wegzudenken sind, erreicht die
moderne Literatur der indischen Regionalsprachen das deutsche
Lesepublikum nur vereinzelt. Dass diese reiche, vielfältige und
vitale Literatur nur langsam aus ihrem unverdienten Schattendasein
tritt, liegt nicht zuletzt an der geringen Zahl deutscher
Übersetzungen aus den indischen Originalsprachen. Die im Draupadi
Verlag erschienene Reihe ‚Moderne indische Literatur’
zählt zu den wenigen Initiativen, die sich zum Ziel gesetzt haben,
diesem Zustand ein Ende zu bereiten. Als vierter Band der Reihe bietet
Mauern und Fenster dem deutschen Leser Einblicke in die moderne
Hindi-Erzählprosa und lädt zu einer spannenden Begegnung mit
einem anderen, sich gängigen Klischees entziehenden Indien ein.
Hindi, offizielle Amtssprache Indiens und hinsichtlich ihrer
Sprecherzahl drittgrößte Weltsprache, besitzt eine
äußerst produktive, junge und moderne Literaturszene,
über die wir hierzulande nur wenig erfahren. Die sich in
jüngster Zeit vollziehende Loslösung von der lange
vorherrschenden Doktrin des sozialen Realismus und einer
Literaturkritik, die Literatur vorrangig als Instrument zur Besserung
der Gesellschaft ansah, erwies sich in vieler Hinsicht als belebend und
bereichernd. So präsentiert sich die Hindi-Literatur heute mit
neuem Selbstbewusstsein, einer nie da gewesenen Themenvielfalt und
einer verstärkten Sensibilität für
literarästhetische und sprachliche Prozesse. Wenn man sich auch
heute noch dem sozial engagierten Schreiben verpflichtet fühlt, so
ist das aktuelle Leitwort literarischen Schaffens nicht mehr Realismus,
sondern Authentizität.
Authentizität ist für viele Hindi-Autoren gleichbedeutend mit
der Darstellung der eigenen Bezugs- und Erfahrungswelt. So befassen
sich mehrere der hier vorgelegten Erzählungen mit dem modernen
Alltagsleben der indischen Mittelklasse. Sie verleihen Milan Kunderas
Wort von der ‚terra incognita des Alltäglichen’ eine
neue Bedeutung, indem sie uns stille Gegenentwürfe zu einem
Indienbild liefern, das noch immer von Exotisierungstendenzen und den
Schreckensmeldungen der Medienwelt geprägt ist. Dies bedeutet
keinesfalls, dass die zeitgenössische Hindi-Literatur das
Interesse an sozialen Problemen und den aktuellen Konflikten der
indischen Gesellschaft verloren hätte: einige der hier
ausgewählten Kurzgeschichten greifen dezidiert das Thema
gesellschaftlicher Unterdrückung und Gewalt auf. Doch
präsentiert sich uns insgesamt ein weitaus weniger
spektakuläres Indien, das Fremdes wie Vertrautes, Aktuelles wie
Zeitloses, Kulturspezifisches wie allgemein Menschliches in sich birgt.
Der vorliegende Band konzentriert sich auf die Hindi-Literatur der
letzten zehn Jahre. Er umfasst elf Erzählungen, die von einer
Ausnahme abgesehen in den Jahren 1996 bis 2004 erschienen sind. Mit
Uday Prakash und der in Kalkutta lebenden Autorin Alka Saraogi sind
zwei der bedeutendsten Repräsentanten der zeitgenössischen
Hindiliteratur vertreten, von deren Schaffen maßgebliche Impulse
ausgingen. In erster Linie jedoch bietet der Band jüngeren, noch
weithin unbekannten Autorinnen und Autoren ein Forum. Yogendra Ahuja,
Shashibhushan Dvivedi, Anand Harshul, Jainandan, Anand Sangeet und die
drei Erzählerinnen Sara Rai, Shilpi und Neelakshi Singh haben in
der Hindi-Literaturszene viel Beachtung erfahren, sind aber noch nicht
international in Erscheinung getreten. Sie erstmals dem deutschen Leser
vorzustellen, war mir ein besonderes Anliegen.
Literarische Übersetzung aus einer fremden Kultur heißt
immer auch kulturelle Übersetzung. Da sich die hier vorliegenden
Übersetzungen in erster Linie an ein allgemeines Publikum
literarisch interessierter Leser richten, war unsere Aufgabe, die
Originaltexte in ansprechender und verständlicher Form
wiederzugeben, ohne sie dabei ihrer spezifischen sprachlichen
Eigenschaften zu berauben oder kulturell zu verfremden. Die
Übersetzungen folgten dem Prinzip, möglichst wenige Eingriffe
in den Hinditexten vorzunehmen und die Erzählungen für sich
selbst sprechen zu lassen. Auf ästhetisch unschöne
Transliterationen indischer Namen wurde ebenso verzichtet wie auf die
Eindeutschung kultur-spezifischer Begriffe und Gegenstände.
Notwendige Erklärungen zu indischen Begriffen finden sich im
Glossar am Ende des Buchs.
Mein Dank gilt den indischen Autorinnen und Autoren, die spontan und
mit großem Enthusiasmus das Copyright für ihre
Erzählungen zur Verfügung gestellt haben. Ein besonderer Dank
gebührt Vishnu Khare und Uday Prakash, die wichtige Anregungen
für die Konzeption des Bandes lieferten und mir bei der Auswahl
der Texte beratend zur Seite standen. Dem Team von Übersetzerinnen
danke ich für die gute und effiziente Zusammenarbeit über
drei Kontinente hinweg, die mich auf weitere gemeinsame Projekte hoffen
lässt. Durdana Förster und Birgit Wolf haben durch ihre
sorgfältige Durchsicht des Manuskripts und ihre
Verbesserungsvorschläge einen wertvollen Beitrag geleistet. Auch
ihnen sei herzlich gedankt. Und schließlich danke ich der „Gesellschaft zur Förderung
der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ für den Zuschuss zu dieser Publikation.
Chicago, im Juli 2006
Ulrike Stark
Das Buch kann über den Buchhandel bezogen oder
per E-Mail direkt beim Verlag bestellt werden:
info@draupadi-verlag.de
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